Verehrt die Jägerschaft den heiligen Hubertus als Patron, so sehen die Falkoniere des westlichen Europas in St. Bavo oder Sint Baaf ihren Schutzheiligen
"Aus den vielerley Arten von Falcken entstehen manchmal Mißgeburthen, wenn sich unterschiedliche Arten in ihrer Brunstzeit zusammen gatten, welche Bastarde aber dennoch zu dem beissen sehr wohl zu gebrauchen." So sagt eine alte Schrift aus demJahre 1701, die die edle Kunst der Beizjagd, das jagen mitdem hohen Fluge", zum Inhalt hat.
Die schweinsledern gebundenen Seiten beschreiben sodann die einzelnen Arten, die -" ein Falckenier zum Beissen einsetzet": "Etliche, so SacriFalcken genennet werden, kommen aus Irrland, ingleichen aus Podolien, Tartarey, Cypern Lind Candia. Gerfalcken greifen", so heißt es weiter, Schwanen, Kraniche und Geyer", während der "Blaufuß" ein Begriff, unter dem man Lanner, Saker und Gerfalken einstmals oft zusammenfaßte Antvögel, Tauben und Aelstern fänget." Auch der zierliche "Lerchen-Falck", der Baumfalke, findet Erwähnung: "Lässet man ihn in der Luft flattern, so werden die Lerchen so furchtsam, daß sie gleicht zur Erde fallen und sich mit den Händen greiffen lassen."
Sich verlierend im Grau der Vorzeit, kann das Jagen mit dem edlen Falken, dem schnellen Habicht und dem mächtigen Adler in der Geschichte vieler Völker nachgewiesen werden. Germanische Stämme übernahmen die Beiziagd von den Kelten, auch im alten China beherrschte man die Kunst, mit Falken zu jagen. Die Gesetzgebung der salischen Franken regelte die Beizjagd genau, der Diebstahl eines Jagdfalken wurde hart bestraft.
Meister der Beize aber waren die Beduinen Arabiens, sie galten als Lehrmeister des mittelalterlichen Abendlandes. Durch den Kontakt zum Orient während der Kreuzzüge erlebte die Beiziagd eine besondere Blüte. Friedrich II., der Staufer (1194 bis 1250), leidenschaftlicher Falkonier, ließ als Berater für sein noch heute bekanntes Werk "De arte venandi cum avibus" -"Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen", eigens einen Falkner aus dem Orient an seinen Hof kommen, dem er alsbald in Freundschaft verbunden war.
Mit einem heute kaum vorstellbarem Aufwand wurde die Beizjagd einst an vielen Fürstenhöfen betrieben. Franz 1. von Frankreich (1494 bis 1547) besaß 300 Jagdfalken, die ein Oberfalkenmeister und 50 Falkoniere betreuten. Kaiser Maximilian, der vielsprachige, außergewöhnlich gebildete deutsche Kaiser (1459 bis 1547), hatte allein für die Beschaffung von abgetragenen Beizvögeln und Wildfängen acht "Meystern gedinget", die wieder und wieder nach Flandern, nach Norwegen und Dänemark zogen, um Vögel für ihren Brotherren zu besorgen. Der dänische Hof rüstete vorzeiten alljährlich eine Expedition nach Island aus, die dort die hochgeschätzten hellen Gerfalken, die"weißen Falken", zu fangen suchte.
Im Jägerhof zu Potsdam unterhielt Friedrich Wilhelm 1. (1688 bis 1740), König in Preußen, seinen Falkenhof. Friedrich der Große jedoch, sein Sohn, jagdlichen Freuden bekanntlich nicht sonderlich zugetan, löste den Falkenhof auf. Er verschenkte die Beizvögel an den Ansbacher Hof. Hocherfreut übernahm Wilhelm Friedrich von Ansbach die kostbare Gabe. Sein Jagdtagebuch verzeichnet für die Jahre 1735 bis 1755 neben 4174 gebeizten Reihern die stattliche Anzahl von 14 087 Rebhühnern, die auf der Beiziagd zur Strecke kamen.
Verehrt die Jägerschaft seit Jahrhunderten den Heiligen Hubertus, dem der kreuztragende Hirsch erschien, als ihren Patron, so sehen die Falkoniere des westlichen Europas in St. Bavo, auch St. Bavon, in flämischer Sprache Sint Baaf, ihren Schutzheiligen.
Sint Baaf starb anno 655, als seinen Gedächtnistag verzeichnen Hagiographien den 1. Oktober. Nicht nur als Schutzpatron der Falkner gilt der Brabanter Edelmann, auch, die Stadt Gent in Flandern feiert ihn alljährlich Anfang Oktober mit der Bavonsmesse, die dort auch Bamesse oder Bamis heißt.
Allowin, so sein bürgerlicher Name, lebte als Sproß der adligen Familie Haspengans in der geschichtsträchtigen Landschaft Brabant im niederländisch-belgischen Tiefland. Bis zum Tod seiner merowingischen Gattin Agletrude soll er - so weiß die Legende -ein recht zügelloses Jäger- und Falknerleben geführt haben. Das frühe Ende seiner Frau führte jedoch einen Wandel herbei. Unter dem Klosternamen Bavon wurde Allowin Benediktinermönch, er begleitete den heiligen Amandus auf seinen Missionsfahrten durch Flandern. Zog nicht auch Hubertus nach seiner Umkehr -bevor man ihn zum Bischof weihte - missionierend durch das Bergland der Ardennen?
Doch noch eine zweite Legende rankt um die Bekehrung des Allowin vom Falkner und Jäger zum frommen Mönch Sint Baaf.
Der Edelmann wurde zu unrecht beschuldigt, einen kostbaren weißen Gerfalken gestohlen zu haben - ihm drohte der Tod durch den Strang. Schon stand der Unglückliche unter dem Galgen, als der angeblich von ihm geraubte weiße Falke aus Dunst und Nebel stieß und auf dem Schandholz fußte.
Das weiße Tier, Inkarnation der Lauterkeit, bewies die Unschuld des Edlen. Der aber sah im plötzlichen Erscheinen des Falken nicht nur Errettung vor dem Tod, sondern vor allem ein göttliches Zeichen, das seinen Wandel zu einem Leben in der Mönchskutte herbeiführte.
Flandern und Brabant galten bis beinahe in unsere Zeit als Ausgangspunkt westeuropäischer Falknerei, Falkenfang und Handel, auch die Ausbildung der Falkner, hatten hier ihren Ursprung. Kann es verwundern, daß die Legende des heiligen Bavon, des Sint Baaf, gerade hier angesiedelt wurde?
In Gent, der Hauptstadt der belgischen Provinz Ostflandern, erinnert die prächtige Kathedrale St. Bavon an den Heiligen, auch in Haarlem in den Niederlanden ist die Groote Kerk, eine großartige spätgotische Basilika, dem Schutzpatron der Falkoniere, dem heiligen Bavon, geweiht.
Aus : WILD UND HUND 14/1998
Autor: Hans Werner Krafft